Zahnersatz

Indien 2012

Die Kindernothilfe (KNH) ist eines der größten christlichen Hilfswerke in Deutschland, weltweit fördert die KNH in unterschiedlichen Projekten ca. 270.000 Kinder in 28 Ländern. Gegründet wurde die Organisation im Jahre 1999, Vorsitzender des Stiftungsrates ist Norbert Blüm.

Einen kleinen Rückschlag bekamen wir gleich zu Anfang der Reise, denn durch einen zweistündigen Stau auf der A7 kamen wir derart verspätet am Flughafen Hamburg an, dass wir unser Gepäck nicht mehr aufgeben konnten (zum Glück hatten wir uns am Vorabend schon im Internet eingecheckt, sodass wir selbst noch mitfliegen konnten). So mussten wir unser mit viel Überlegung zusammengestelltes Gepäck zurücklassen und reisten notgedrungen nur mit leichtem Handgepäck ab. Nach einer Zwischenlandung in Dubai nach ungefähr 7 Stunden Flug, kamen wir nach weiteren fünf Stunden schließlich in Bangalore (Zentralindien) an. Am Flughafen wurden wir morgens von Augustin, einem Vertreter der CCCYC (Churches Council for Child and Youth Care, eine Partnerorganisation der Kindernothilfe), abgeholt. In Bangalore, eine Millionenstadt im Bundesstaat Karnataka, die vor allem wegen ihrer IT-Branche berühmt ist, hatten wir erstmal die Möglichkeit die Sachen einzukaufen, die wir für die nächsten drei Wochen benötigten. Am Abend ging es dann weiter im Nachtzug nach Madurai, wo wir am nächsten Morgen, nach einer 12 stündigen Fahrt ankamen. Madurai ist eine größere Stadt im Süden Indiens und liegt im Bundesstaat Tamil Nadu. Hier war auch unser Dentomobil stationiert, welches unsere fahrende „Bohrplattform" für den kommenden Einsatz sein sollte.

Das Dentomobil ist ein umgebauter Militär-LKW der Marke Tata und hat auf der Ladefläche einen als Zahnarztpraxis eingerichteten Container. Das Dentomobil wurde im Jahre 2004 von den Zahnärzten für Indien in Gebrauch genommen und ist ein vollkommen autarkes System. Elektrizität wird durch einen Generator im Fahrzeug erzeugt, Wasser wird in Kanistern mittransportiert und Luftdruck wird an Bord mit einem Kompressor erzeugt, sogar eine eigene Klimaanlage ermöglicht, auch bei sengender Hitze ein relativ komfortables Arbeiten. Nachdem wir unser Gefährt begutachtet hatten und einige Mängel beseitigen ließen, konnten wir noch einige Besorgungen machen, wie z.B. Luftballons und Zahnbürsten für die Kinder einkaufen, die wir leider in Deutschland zurücklassen mussten. Hier hatten wir gleichzeitig die Möglichkeit, einen gigantischen Hindutempel zu besuchen, der für die Hindureligion sehr wichtig ist und Madurai auch zu einem Wallfahrtsort macht. Nachdem wir nochmals offiziell vom Bischof der Diözese Madurai und Umgebung begrüßt wurden, hat man uns das Programm der nächsten Wochen erklärt. Hier haben wir auch unsere Begleiter für die nächsten Wochen kennengelernt, Raja, einen Sozialarbeiter aus Manamadurai der für die Organisation zuständig war, und Arpuradj, unser Techniker aus Madurai, der für die technische Seite zuständig war, sowie den Fahrer des Dentomobils, der das Fahrzeug zu den Einsatzorten fahren sollte.

In den kommenden drei Wochen sollten 16 Projekte besucht werden, meistens Wohnheime, in denen Kinder und Jugendliche im Alter von 3 bis 18 Jahre untergebracht waren, zum Teil Waisen, Halbwaisen oder Kinder aus sozialen Spannungsfeldern sowie behinderte und gehörlose Kinder. Pro Projekt werden bis zu 200 Kinder betreut. Die meisten Kinder werden von der Kindernothilfe finanziell unterstützt und haben so die Möglichkeit eine schulische Ausbildung zu bekommen. Insgesamt haben wir in der Zeit von einem Projekt zum nächsten 1800 km zurückgelegt und 2000 Kinder behandelt. Die Behandlung bestand hauptsächlich aus dem Screening (Voruntersuchung) aller Kinder, Mund- und Zahnhygieneaufklärung und Scaling der Zähne (wurde von Miriam Hens durchgeführt), Füllungstherapien und Extraktionen sowie der Empfehlung weiterer Maßnahmen wie z. B. kieferorthopädische Behandlungen.

Am nächsten Morgen ging es nach Sivakasi, wo wir 4 Projekte in der Umgebung betreuen sollten. Die Gegend um Sivakasi ist durch ihre außerordentliche Trockenheit bekannt, deswegen hat sich hier die Feuerwerksindustrie sowie die Druckindustrie niedergelassen. Gleichzeitig hat der Ort eine traurige Bekanntheit wegen seiner Kinderarbeit und den vielen Unfällen, die hier passieren. Das Dentomobil war schon am Vorabend zum ersten Einsatzort gefahren und eingerichtet worden. Hier haben wir ein Mädchenheim, ein Heim für geistig behinderte Kinder, eine Gehörloseneinrichtung und zum Schluss ein Jungenheim zahnmedizinisch versorgt. Vor allem die gehörlosen Mädchen und Jungen haben einen sehr tiefen Eindruck bei uns hinterlassen, da sie speziell für uns eine Tanzveranstaltung veranstaltet haben mit Folkloretänzen aus dem Tamil Nadu, die mit so viel Freude und Präzision dargebracht wurde, welche umso erstaunlicher war, da die Jugendlichen den Takt und die Musik ja nicht hören konnten. Die Kinder und Jugendlichen waren alle sehr kooperativ und ließen sich fast ohne Ausnahme behandeln. Auch war immer eine große Dankbarkeit spürbar, die wir hier in Deutschland meistens nicht erfahren, da hier vieles selbstverständlich ist.

Am Sonntag hatten wir einen freien Tag und machten einen Ausflug in die Berge, um mit zehntausenden Indern ein Bad in den Wasserfällen nahe Kuttalam zu nehmen. Diese Wasserfälle sind für die Hindus heilig und waren für uns ein unglaubliches Spektakel, ungewöhnlich für uns, wenn Frauen vollbekleidet im Sari baden gehen. Die Fröhlichkeit der Leute, denen man begegnete, ist einfach unglaublich für einen Europäer.

An den nächsten Tagen ging es nach Aruputtkottai zu einem Mädchenheim, dann nach Usilampati zu einem weiteren Mädchenheim, anschließend nach Manamadurai, wo wir ein Jungenheim und ein Gehörlosenprojekt betreut haben. Weiter nach Paramakudi zu einem Jungenheim und anschließend zu einem letzten Mädchenheim in Ramnad. Auch in dieser zweiten Woche konnten wir trotz ständiger Stromausfälle sehr effektiv arbeiten und hatten durch unseren eigenen Stromgenerator immer die Möglichkeit, alle Kinder zu behandeln. Der Tag begann meistens erst mit dem Screening aller Kinder, wobei natürlich erst eine feierliche Begrüßung durch den Headmaster und alle Kinder erfolgte mit Shawlübergabe und einer Stirnbemalung. Nachdem die Behandlungsnotwendigkeit von Raja dokumentiert wurde, bekamen die Kinder von ihm einen Zettel, auf welchem die Therapie vermerkt war. Dann wurden die Kinder nacheinander behandelt. Parallel zur Behandlung machte Miriam Hens die Hygieneaufklärung und anschließend wurden die Kinder, die nur eine professionelle Zahnreinigung benötigten, von ihr behandelt. Die Behandlung dauerte meistens den ganzen Tag und war dann doch sehr anstrengend. Zur Unterstützung wurden immer wieder Schwesterlehrlinge aus den umliegenden Schulen organisiert, die dann in einem zweistündigen Crashkurs zu fabelhaften „Zahnarzthelferinnen" ausgebildet wurden.

An unserem zweiten Sonntag hatten wir wieder die Möglichkeit, einen Ausflug zu machen. Diesmal ging es in die Berge nach Kodaikkanal, wo die Engländer im 19Jhd. einen Zufluchtsort vor der Hitze im Flachland gefunden haben. Hier findet man typische englische Häuser und Kirchen und das Klima war auch dementsprechend regnerisch und recht frisch.

Die letzte Woche verbrachten wir erst in der Nähe der Küste, wo wir noch einige Projekte besuchten, um anschließend ins Inland nach Dindigul zu reisen. Diese Stadt ist vor allem bekannt für seine Ledergerbereien und Färbereien. Hier fiel uns vor allem die starke Umweltverschmutzung und die zum Teil extremen Lebens- und Arbeitsumstände auf, in denen die Menschen hier in den Slums leben. Als erstes wurde ein Projekt für die Straßenkinder der umliegenden Slums besucht, unzählige Kinder sollten versorgt werden, und es folgten zum Schluss noch etliche Lehrer, Betreuer, Fahrer und Köche oder Köchinnen, die Beschwerden hatten, sodass dieser Tag erst sehr spät endete.

Von hier aus besuchten wir ein Jungenheim in Dindigul, ein Jungen- und ein Mädchenheim in Ambilikai und nochmals zwei Projekte die von der dortigen Diozäse unterstützt wurden. Immer nach Beendigung der Behandlungen hatten wir die Möglichkeit, mit den Kindern und Jugendlichen zu kommunizieren. Meistens zeigten sie uns ihr Heim mit den Schlafsälen (ohne Betten, nur dünne Matten und ein Kissen), die sie mit 20 Kindern teilten und die Küche, wo immer sehr leckeres Essen zubereitet wurde. Meistens wurden Spiele gemacht oder die Kinder sangen und tanzten in echter Bollywoodmanier für uns. Zum Schluss fuhren wir wieder mit dem Nachtzug von Dindigul nach Bangalore, wo wir am 10. August ankamen. Hier wurde nochmals ein Debriefing mit dem Chef der CCCYC gemacht, der uns dann auch verabschiedete. Am 11.8.2012 flogen wir dann wieder von Bangalore über Dubai nach Hamburg zurück, wo wir am Abend nach 12 Stunden Flugzeit wohlbehalten und mit Gepäck ankamen.

Die Herzlichkeit und die Gastfreundlichkeit der Inder hat uns am meisten beeindruckt, der liebevolle Umgang der Betreuer mit den Heimkindern und die Fröhlichkeit, die in den Heimen herrschte. Die Kinder und Jugendlichen, die alle eine schwierige Geschichte mit sich tragen, haben in den Heimen die Möglichkeit, eine schulische und berufliche Ausbildung zu bekommen, die von der Kindernothilfe ermöglicht wird. Wir sind froh auch hier mit unseren Mitteln ein wenig geholfen zu haben. Ein „Vanakkam" (Willkommen) erzeugte immer ein Lächeln auf den Gesichtern der Menschen, die wir in dieser Zeit getroffen haben, und wir sind dankbar, dass wir hier einige Zeit verbringen durften und die Kinder behandeln konnten.

Marten Jan Lindeman
MSc Implantologie MSc orale Chirurgie
Zeven

Für weitere Informationen:
www.kindernothilfe.de
www.zahnaerzte-fuer-indien.de
oder beim Verfasser des Textes


Kategorie: | Datum: 22 April, 2016

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